Frühpädagogik: Konzepte im Überblick

Kleinkind spielt mit Wasser in der Sonne Frühpädagogik Kleinkindpädagogik

Alles im Leben baut aufeinander auf und beeinflusst sich wechselseitig. Erfahrungen im Kleinkindalter sind prägend und stellen wichtige Säulen für spätere Entwicklungsphasen dar. Diese Erkenntnis hat die Frühpädagogik, also die auf die Altersgruppe von Kleinkindern und Vorschulkindern konzentrierte Erziehungswissenschaft, in den Fokus von Psychologen und Pädagogen gerückt. Sie entwickelten eine Reihe von Ansätzen. Ein Überblick über die wichtigsten Konzepte der Frühpädagogik:

Frühpädagogik nach Maria Montessori

Im 1907 formulierten reformpädagogischen Ansatz der italienischen Kinderärztin Maria Montessori wird das Kind als „Baumeister seines Selbst“ verstanden. Offene Lehrmethoden mit Freiräumen und Eigenverantwortlichkeit rücken ins Zentrum der Erziehung. Kinder werden in ihren natürlichen Interessen unterstützt, wobei die Erwachsenen für eine förderliche Reizumwelt sorgt, eine sogenannte „vorbereitete Umgebung“. Essentielle Grundannahmen sind:

  • Sensible Phasen: In einigen Entwicklungsstufen ist das Kind besonders aufnahmefähig für bestimmte Lerninhalte.
  • Polarisierte Aufmerksamkeit: Tiefe Konzentration stellt sich besonders dann ein, wenn Kinder die Möglichkeit haben, konkrete Tätigkeiten selber zu absolvieren. Montessori verwendet dafür den Begriff der polarisierten Aufmerksamkeit: „Das Aufgehen in einer Arbeit, einer konzentrierten, frei gewählten Arbeit, die die Kraft hat zu konzentrieren und, anstatt zu ermüden, die Energien, die geistigen Fähigkeiten und die Selbstbeherrschung erhöht.“
  • Zentrale Aufgabe des Pädagogen ist die Beobachtung der Kinder im Spielen und Tun sowie das Wahrnehmen ihrer Signale. Achtsam leistet er dort, wo nötig, Hilfestellung.

(mehr Informationen zur Montessori-Pädagogik)

Waldorfpädagogik nach Rudolf Steiner

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte Rudolf Steiner auf der Grundlage seiner ganzheitlichen Menschenkunde (Antroposophie) das Konzept der Waldorf-Pädagogik. Es geht von vier Entwicklungsstufen bis zum 21. Lebensjahr im Sieben-Jahres-Rhythmus sowie von der Dreigliederung des Menschen (Denken, Fühlen, Wollen) aus. Konkret für die Frühpädagogik in den Kleinkind- und Vorschuljahren postuliert Rudolf Steiner folgende Annahmen:

  • Lernen im freien Spiel, bevorzugt mit einfachen, natürlichen und altersentsprechenden Spielmaterialien, welche die Fantasie anregen
  • Lernen durch Nachahmung: Vorbildfunktion der Erwachsenen
  • Soziales Miteinander mit Sicherheit und fester Ordnung
  • Besonderer Fokus auf handwerklich-kreativ-künstlerische Tätigkeiten zur Persönlichkeitsentfaltung
  • Hoher Stellenwert von Tages- und Jahresrhythmen

(mehr zum Alltag in Waldorf-Kindergärten)

Waldpädagogik und Freilandpädagogik

In den 1950er Jahren gründete Ella Flatau in Dänemark den ersten Waldkindergarten. In Deutschland hat sich die Bewegung der Wald- und Naturkindergärten in den 1990er Jahren durchgesetzt. Die Kinder spielen unter freiem Himmel mit dem, was die Natur hergibt. Das fördert die Kreativität und die Sprachentwicklung, die Motorik, das Immunsystem und das Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt. Grundannahmen der Freilandpädagogik bzw. Wald- und Naturpädagogik sind:

  • Bewegung als elementares Grundbedürfnis des Kindes
  • Häufig wechselnde und überraschende Situationen sind Auslöser für unterschiedliche Erfahrungen, die den psychisch-emotionalen Lernprozess verstärken
  • Stärkung des Gruppengefühls und der Solidarität durch Ausnahmesituationen und häufigen Ortswechsel
  • Das Entdecken neuer, unbekannter Dinge führt zur originellen und eigenständigen Aktion
  • Das Überwinden unterschiedlicher Distanzen und der Aufenthalt in wechselnden Geländen fördern Raum- und Entfernungswahrnehmung, Orientierung und zeitliches Vorstellungsvermögen
  • Freiräume erleichtern es Kindern, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Diese Sensibilität verbessert die Fähigkeit zur Selbstregulierung.

(Näheres zu Wald- und Naturkindergärten)

Spielpädagogik nach Friedrich Fröbel

Friedrich Fröbel (1782-1852) erkannte früh die Bedeutung des Kleinkindalters für die weitere Entwicklung: Er erfand nicht nur den so genannten Spiel-Ansatz, sondern auch das bis heute übliche Konzept des Kindergartens mit einer Mischung aus Spiel, Gesang und praktischen Tätigkeiten. Das Ziel der Frühpädagogik soll laut Fröbel eine Ausbildung der Selbstständigkeit und Selbstaktivität des Kleinkindes sein. Hier einige Kernpunkte:

  • Das beste Spielzeug des Kindes ist ein anderes Kind
  • Frei gestaltetes Spiel als Selbstbildung von Geburt an: intrinsisch motiviertes, freies Erkunden
  • Freude an Übernahme von Verantwortung für andere: Ganzheitlichkeit von Individuum und sozialem System
  • Sprachförderung, Musikerziehung, körperlicher Ausdruck, z.B. im Tanz, künstlerischer und kreativer Ausdruck, z.B. durch Malen und Zeichnen, handwerklicher Ausdruck durch Gestalten und Bauen
  • Ganzheitliches Menschsein

(Quelle und Details: Fröbel-Society)

Reggio-Pädagogik nach Loris Malaguzzi

Der Reggio-Ansatz hat seinen Namen der italienischen Stadt Reggio Emilia zu verdanken, wo Loris Malaguzzi (1920-1994) sein frühpädagogisches Konzept entwickelte. Reggio-Pädagogik versteht sich als eine experimentelle Pädagogik, welche versucht, neue Erkenntnisse aus der  Lern-, Entwicklungs- und Sozialisationstheorie sowie Erziehungs- und Bildungswissenschaft laufend zu integrieren. Als Grundsätze der Frühpädagogik nach Reggio können folgende Punkte formuliert werden:

  • Das individuelle Kind weiß als „eifriger Forscher“ selbst am besten, was es braucht. Ein Sicherheitsgefühl ist  wesentliche Voraussetzung dafür, Forschergeist, Neugier und Vorstellungskraft entwickeln zu können.
  • Die Aufgabe der Erzieher besteht in der Bereitstellung eines angemessenen Entwicklungsraums (=„der dritte Erzieher“) mit einer guten Balance aus Herausforderungen und Sicherheit sowie in der genauen Dokumentation der Fortschritte des Kindes.
  • Das Miteinander der Kinder im Rahmen von vielen praktischen Projekten steht im Zentrum des Ansatzes.

(Quelle und Details: Reggio Pädagogik Fachverband)

High/Scope-Ansatz nach David P. Weikart

David P. Weikart rief 1962 ein Programm zur Unterstützung sozial benachteiligter Kinder ins Leben, das aus täglichem Extraunterricht bestand. Die pädagogische Intervention konnte interkulturell sowohl für die von Weikart geschulten Teenager, als auch später für Kinder unter 10 Jahren mit Längsschnittstudien bestätigt werden. Grundlagen des High/Scope-Ansatzes für die Frühpädagogik sind:

  • Erzieher-Schüler-Verhältnis von höchstens 1:10
  • Förderung des selbstgesteuerten, aktiven Lernens
  • Lehrmethoden und Umgebung müssen an die Kompetenzen des jeweiligen Entwicklungsniveaus angepasst werden
  • Kinder wählen ihre Beschäftigungen und Materialien je nach Interessen und Entwicklungsstand selbst aus
  • Materialauswahl je nach Entwicklungsstand (welches Spielzeug zu welchem Babyalter und welcher Entwicklungsstufe passt, fasst der Mibaby-Blog gut zusammen)

(Quelle und Details: Wassilios E. Fthenakis, Martin R. Textor (Hg.): Pädagogische Ansätze im Kindergarten)

Ko-konstruktiver Ansatz nach Lew Wygotski

Im Zentrum des ko-konstruktiven Lernansatzes nach Lew Wygotski (1896 – 1934) steht die Annahme, dass der Mensch sich seine Realität kreiert. Jede Version der Wahrheit ist somit eine individuelle, subjektive Repräsentation. Lew Wygotskis Annahmen beruhen auf dem zentralen Konzept des so genanntens „Gebiets der noch nicht ausgereiften, jedoch reifenden Entwicklung”. Wichtige Aspekte für die Frühpädagogik sind:

  • Die detaillierte Beobachtung des Kindes und seiner aktuellen sowie anstehenden Entwicklungsprozesse
  • Eine ständige Interaktion zwischen Erzieher und Kind: kein freies Spiel, sondern vom Erzieher geleitete Entwicklung
  • Wechselwirkung und Einheit von Denken, Sprechen und Handeln
  • Erzieher als zentrale Instanz, um Wissen und Kompetenzen an die nächste Generation weiterzugeben

(Quelle und Details: Wassilios E. Fthenakis, Martin R. Textor (Hg.): Pädagogische Ansätze im Kindergarten)

Frühpädagogik nach Forman/Kuschner

Dieser relativ neue Ansatz von George E. Forman und David S. Kuschner wurde im Jahr 1990 skizziert und baut wie viele jüngere frühpädagogischen Konzepte auf die Theorie der kognitiven Entwicklung des Schweizer Psychologen Jean Piaget (1896 – 1980) auf. Er ist, wie auch der High/Scope-Ansatz und der konstruktivistische Ansatz, speziell für das Kleinkindalter ausgearbeitet worden. Zentrale Punkte sind:

  • Eine starke Anlehnung an die Entwicklungstheorie von Jean Piaget: Einheit von kognitiver, motorischer, sozialer und emotionaler Entwicklung
  • Wissen wird durch Assimilation (Angleichung der Umwelt an das Individuum) und Akkommodation (Angleichung des Individuums an die Umwelt) „konstruiert“
  • Entwicklungsmotivation entsteht durch kognitive Dissonanzen: Konflikt zwischen Anforderungen und Fähigkeiten sowie zwischen Wissen und Erfahrung; die Auflösung des Konflikts wirkt belohnend
  • Das Kind ist neugierig und intrinsisch motiviert: Es will von Natur aus lernen

(Quelle und Details: Martin R. Textor: Online-Handbuch Kindergartenpädagogik)

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