Jahrgangsübergreifendes Lernen – die Zukunft?

Ein Mädchen und ein Junge lesen gemeinsam ein Buch - jahrgangsübergreifendes Lernen

Zu Großmutters Zeiten war es in jeder Dorfschule Alltag, heute feiert es ein sagenhaftes Comeback: jahrgangsübergreifendes Lernen. Wie können Schüler von altersgemischten Klassen profitieren? Die Erfahrungsberichte der Reformer und die wichtigsten Argumente der Kritiker:


Altersgemischte Klassen immer häufiger

Während jahrzehntelang an deutschen Schulen streng nach Alter getrennt unterrichtet wurde, werden seit einiger Zeit mehrere Jahrgänge wieder in einer Klasse gemischt. In Schulen, die sich beispielsweise an Montessori– oder Jenaplanpädagogik orientieren, gehört jahrgangsübergreifendes Lernen zum Konzept. Aber nicht nur in reformpädagogischen Schulen ist die Altersmischung derzeit auf dem Vormarsch.

JüL als Reaktion auf Pisa-Schock

Selbst die staatlichen Regelschulen setzen besonders in den Grundschuljahren immer stärker auf jahrgangsgemischte Klassen. Eine ganze Reihe an Modellversuchen zum jahrgangsübergreifenden Lernen, kurz JüL, startete bundesweit nach dem Pisa-Schock von 2001. In einigen Bundesländern ist in den vergangenen Jahren die so genannte flexible Grundschule eingeführt worden, bei der die Kinder den Stoff der ersten zwei Schuljahre in ein, zwei oder drei Jahren aufarbeiten können. Im europäischen Ausland ist man noch viel weiter: In Irland, Norwegen und Frankreich besuchen rund 40 Prozent aller Grundschüler eine altersgemischte Klasse.

Mehr Freiheit, mehr Motivation, mehr soziales Miteinander

Doch was ist der Vorteil von Gruppen, in denen Erstklässler zusammen mit Viertklässlern lernen? Befürworter loben nicht nur das höhere Maß an Individualität. Auch das soziale Miteinander werde durch jahrgangsübergreifendes Lernen gefördert, dadurch dass die Kinder stärker zur Kooperation animiert werden. Eine Erhöhung des Freiheitsgrads ziehe eine höhere Motivation hinter sich her und gestalte damit verbunden das Lernen des Einzelnen effektiver.

Die kleinen Schüler profitieren von den Großen – und umgekehrt

Markus Kreilinger, Schulamtsdirektor in Donaueschingen, betont in einem Interview für das baden-württembergische Kultusministerium, es sei wesentlich, das die Kinder „hervorragend voneinander profitieren“. Und zwar nicht nur die Jüngeren, welche „Erklärungen von etwas älteren Kindern manchmal besser verstehen können als von uns Erwachsenen“. Ebenso sei es beeindruckend mitzuerleben, dass auch die älteren Schüler in einer altersgemischten Gruppe Vorteile haben. Kreilinger: „Wir alle kennen doch das Phänomen, dass wir einem anderen etwas erklären und im Erklären erst richtig verstehen. Nicht zu unterschätzen ist auch der Rollenwechsel der Großen: Ich habe schon viel gelernt! Ich bin groß! Ich bin verantwortlich für die Anfänger!“

Jahrgangsübergreifendes Lernen und empirische Studien

Laut den Ergebnissen einer Studie der Universität Bremen bewirke jahrgangsübergreifendes Lernen unter den Kindern eine gesteigerte Achtsamkeit anderen und ihren Fähigkeiten gegenüber. In altersgemischten Klassen herrsche überwiegend eine lebendige und friedliche Atmosphäre, in welcher der Schulstress spürbar in den Hintergrund trete.
Noch weiter geht Prof. Dr. Hans Brügelmann in seinem “Fachbrief Grundschule”. Er sieht in jahrgangsgemischten Gruppen den sinnvollsten Boden für fruchtbares Lernen und verurteilt die „Illusion des altersbezogenen Gleichschritts“. Nicht ein zweites Mal im Leben werde der Mensch derartig über einen Kamm geschert wie während der Schulzeit, kritisiert Brügelmann. Ob Führerscheinprüfung oder Studium – überall gehe es indiviueller zu als in der Schule. Jahrsgangsübergreifendes Lernen ermögliche einen deutlich besseren Umgang mit den individuellen Entwicklungsphasen der einzelnen Schüler.

Kritik: JüL braucht Platz und geschulte Pädagogen

Doch trotz allen Lobes sind sich die Pädagogen einig: Jahrgangsübergreifender Unterricht funktioniert nicht einfach, indem man zwei- bis drei Klassen zusammenlegt. JüL ist offenbar nicht immer und überall die beste Lösung. Es gibt auch Schulen, die nach einer euphorischen Anfangsphase JüL bereits wieder abgeschafft haben. Lernen in altersgemischten Gruppen erfordert nicht nur entsprechende Räumlichkeiten, sondern auch Lehrer, die auf diese Art des Unterrichts vorbereitet sind und die dafür notwendige erzieherische Verantwortung übernehmen wollen. Und jahrgangsübergreifendes Lernen fordert einen entsprechend besseren Personalschlüssel, denn schließlich erklärt nicht – wie im Frontalunterricht – eine Lehrkraft 25 Kindern gleichzeitig etwas. Damit JüL an einer Schule ein Erfolgsmodell werden kann, müssen also zunächst einmal die Voraussetzungen an dieser Schule geschaffen werden.

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2 Kommentare zu Jahrgangsübergreifendes Lernen – die Zukunft?

  1. […] Ein Ansatz, der dieser Problematik einen plausiblen Gegenentwurf liefert, ist die des Jahrgangsübergreifende Lernens (Jül) in der Grundschule (sowie darüber hinaus), dass ich aus meiner Tätigkeit als Schulbegleitung an der Winterhuder Reformschule kenne. Das Unterrichten in sogenannten Klassenfamilien bzw. Lerngruppen war geschichtlich gesehen weitverbreitet in Deutschland und spielt im europäischen Ausland heutzutage immer noch mit 40 % eine größere Rolle im Bildungswesen (vgl. https://www.besser-bilden.de/jahrgangsuebergreifendes-lernen-die-zukunft/). […]

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